Christina fährt zu WM-Silber in Italien

Nach einer harten Vorbereitung beim Rothaus Bike Giro fuhr Christina selbstbewusst und motiviert zur Marathon WM nach Italien. Nach ihrem 5. Platz bei der WM 2017 hatte sie sich das klare Ziel gesetzt 2018 eine Medaille zu holen. Obwohl sie bereits in der Startphase ein technisches Problem beheben musste und mehrmals vom Rad musste

fuhr sie im weiteren Verlauf des Rennens immer weiter nach vorne, bis sie auf Platz 2 lag und die Silber-Medaille zum Greifen nahe war. Bis kurz vor dem Ziel konnte sie sich aber nicht sicher sein, ob es wirklich reichen würde. Um so größer war die Freunde und Erleichterung im Ziel als sie ihren bisher größten sportlichen Erfolg feiern konnte.

Wie es ihr vor, während und nach dem Rennen ging könnt ihr auf Christinas persönlichem Blog nachlesen.

Bilder: EGO Promotion, A. Küstenbrück

https://www.christinakollmannforstner.at/l/wm-auronzo-di-cadore/

Ich hab mich nun doch wieder dazu entschlossen einen Blog anzufangen und was würde sich besser als erster Eintrag eignen als meine Fahrt zu WM-Silber. Diese Emotionen die ich vor 2 Tagen erleben durfte wären einfach zu schade um sie nicht zu teilen. Also dann zurück lehnen und lesen – erlebt meine Vorbereitung und das Rennen aus meiner Sicht 🙂

Viel wurde im Vorfeld über diese schwere Strecke gesprochen, es sei die schwerste WM aller Zeiten. 89km 3400 Höhenmeter, brutale Anstiege mit über 20%, technische Abfahrten, ein High Speed Finale. Doch je schwerer der Kurs desto besser wird das ganze für mich. Schon letztes Jahr als ich dieses Rennen quasi als ersten „Streckencheck“ gefahren bin wurde mir klar, das wird definitiv ein hartes Stück Arbeit dorthin aber mein Ziel wurde im Winter zu Papier gebracht. Ich hatte 2017 den Europameistertitel gewonnen und neue Ziele mussten gesetzt werden. Als ich mein Trainingsjahr im November anfing zu planen bekam das ganze die Überschrift „Mission Regenbogen“ 🙂 das Regenbogentrikot zu gewinnen, davon träumt jeder Radsportler, es ist das Größte was du erreichen kannst. Mein Lebenstraum in meinem Sport war immer eine WM-Medaille und wenn ich in 2-3 Jahren das Bike an den Nagel hänge dann kann ich für mich sagen: Hey Mädl, du hast es geschafft 🙂 Da ich die Medaille ja jetzt in der Tasche habe gibt es nur noch eines was das ganze toppen kann. Wie sagt man so schön: Wenn man ein Ziel erreicht hat, muss ein neues her 🙂 Also „Mission Regenbogen“ nächster Versuch 🙂 Aber jetzt erst mal genießen. Mir wird erst jetzt so richtig bewusst was da am Samstag passiert ist und das das nicht selbstverständlich ist so eine Medaille umhängen zu können. Viele wollen da oben stehen und viele sind in der Form darum zu kämpfen und scheitern. Es geht nicht nur um die körperliche Komponente, es sind viele Faktoren die es am Ende ausmachen. Der Kopf ist ein großer davon und den habe ich zum Glück bei Großereignissen immer ganz gut im Griff (was man im Alltag nicht grad behaupten kann :-)) Ich kann euch versichern diese Silbermedaille glänzt für mich wie eine Goldene. So und nun aber zum Rennen und meiner Vorbereitung selbst:

Jene die mich verfolgen wissen dass ich mich akribisch auf diesen Tag X vorbereitet habe. Ich habe meine Rennen heuer so gelegt, dass ich in der bestmöglichen Verfassung dort stehen kann. Den Rothaus Bike Giro hab ich in einen harten Trainingsblock eingeplant. Es bescherte mir zwar nicht die Besten Beine in diesem Etappen Rennen, aber es war sicher ein wichtiger Schritt Richtung WM – Form. Ich habe die Strecke 2 Wochen vorher im strömenden Regen besichtigt, war die Wochen davor viel in den Bergen, habe sehr viel diese Anstiege im Training simuliert, war in der Höhe, habe meine Ernährung optimiert. Mein Ziel an dem Tag war eine Medaille. Alles andere wäre für mich eine Enttäuschung gewesen (technische Gebrechen oder grobe Fehler jetzt mal ausgeschlossen)

Auronzo Samstag um 7:00 – Frühstück – wenn ich jetzt mit meinem Mann drüber rede dann lachen wir. Aber in dem Moment war mir nicht zum lachen. Ich war selten so nervös vor einem Rennen. Ich war zwar voll fokussiert und bereit alles zu geben aber die Anspannung war kaum mehr auszuhalten. Das hat sich die Wochen davor schon extrem aufgebaut und ich war irgendwie erleichtert, dass der Tag jetzt endlich da war. Das Elite Feld war neben den Marathonspezialisten auch gespickt mit den weltbesten Cross Country Fahrerinnen. Eine Woche zuvor war in Lenzerheide die XC WM über die Bühne gegangen und die Ladies waren mit Sicherheit in einer Top Verfassung. Die Gold und Silber Gewinnerinnen sowie einige aus den Top Ten standen also hier auch bei uns in Auronzo am Start. Das würde ein richtig harter Fight um die vorderen Plätze werden. Doch ich war mehr als bereit das ewige Marathon WM Podium der XC Spezialistinnen endlich mal zu sprengen 🙂

09:45 Uhr – Startschuss – bevor es in den ersten brutalen Anstieg ging absolvierten wir eine Startrunde von etwa 3 km welche nochmal bei Start/Ziel durchführte. Das das ganze recht hektisch war und sich jeder vorne platzieren wollte war mir klar, also versuchte ich möglichst unter den ersten 5 zu bleiben. Wir bogen auf eine Holzbrücke ab und da passierte es. Ich rutschte mit dem Vorderrad weg und stürzte. War nicht schlimm, ich war sofort wieder auf dem Rad und hatte nach ein paar Metern wieder den Anschluss und positionierte mich ganz vorne. Ich fuhr als eine der ersten in den Berg der sich wie eine Rampe vor uns aufstellte. Beim Schalten funktionierte nichts mehr. Die leichten Gänge, die ich jetzt brauchte, gingen nicht mehr. Es sprang herum und die Kette blieb einfach nicht liegen. Meine Nerven waren am Boden. Ich spürte, dass ich super Beine hatte und das sollte es jetzt gewesen sein. Sollte mein WM Rennen am ersten Berg enden. Durch den Sturz wo ich aufs Schaltwerk gefallen bin, hat sich der Käfig unten verbogen und das Zeug ist so sensibel das nix mehr funktioniert. Ich wollte auf keinen Fall stehen bleiben, dann hätte mich das ganze Feld überholt und in der extremen Steigung hätte ich Mühe gehabt wieder nach vorne zu fahren. Mir blieb nur eine Möglichkeit. Schweren Gang rein, raus aus dem Sattel und Attacke 🙂 was sich die andren gedacht haben möchte ich gar nicht wissen haha aber es war meine einzige Chance eine kleine Lücke zu gewinnen. Ich sprang bei 20% Steigung vom Rad und versuchte mit der Hand den Käfig nach außen zu biegen. Rauf und weiter. Leider funktionierte es noch immer nicht und ich musste nochmal runter. Ich dachte echt das wars jetzt und ich muss aufhören. Ich hab es dann aber soweit hinbekommen, dass die Kette hielt und ich alle Gänge verwenden konnte. Mehr Glück wie Verstand würde ich mal sagen. Durch meine vorangegangen Attacke war ich nach den kurzen Stopps noch immer auf Rang 5 und begann nun endlich in meinen Rennmodus zu finden. Aber was für ein Drama gleich am Anfang!!

Ich arbeitete mich langsam zu Kate Courtney und Maja Wlozsowska nach vorne. Der erste Anstieg war echt mega. Über 500 Höhenmeter auf 3 Kilometern! Aber genau das mag ich und das ist meine Stärke. Also konnte ich schon bald an den beiden vorbei gehen und sah vor mir Gunn Ritha und Annika. Ich ging als 3. in die erste Abfahrt. Am nächsten Anstieg kam ich schon etwas näher an die Norwegerin und Rekord WC Gewinnerin heran. Im ersten Teil Richtung Misurina fuhren wir bis zur Feed Zone gemeinsam. Als ich mich nach der Zone umdrehte hatte ich eine Lücke. Ich zögerte nicht lange und forcierte das Tempo noch etwas. Das Loch wurde schnell größer und ich war somit nach etwa 1h Fahrzeit komplett allein unterwegs. Vor mir nur die Dänin Annika Langvad.

Ja von nun an war es ein Kampf mit mir selbst über die nächsten 4h. Du hast niemanden an den du dich orientieren kannst. Die Zeiten und Abstände hab ich zwar alle 30-40 Minuten bei Andreas erfahren, aber trotzdem weißt du nie 100% was hinter die abgeht. Vom Kopf her ist so ein einsames Rennen schon eine Belastung. Ich kannte die Strecke ja und hab mich so von Anstieg zu Anstieg motiviert und wenn ich das Gefühl hatte ich lasse nach, habe ich versucht noch mehr zu geben. Ich bin bewusst ohne mein Wattmesssystem gefahren. Ich wollte mich von diesen Nummern an diesem Tag auf keinen Fall steuern lassen. Die besten Rennen bin ich immer ohne die ganzen Zahlen gefahren. Klar, bei den meisten hab ich es montiert weil ich daraus meine weiteren Schlüsse ziehen kann, aber an so einem Tag würde mich das nur verunsichern. Nach knapp über 3h war ich oben bei den 3 Zinnen, dem höchsten Punkt des Rennens. Es folgte eine lange technische Abfahrt, bevor es in den letzten längeren Anstieg ging. Ich hörte, dass ich nach hinten in etwa ein Polster von 4 Minuten hatte. Hört sich viel an, aber bei einem technischen Gebrechen oder einem körperlichen Einbruch ist das gar nichts auf dieser Länge des Rennens. Ich pushte mich weiter und weiter. Meine Familie und Freunde waren auch vor Ort und das motivierte mich zusätzlich. Ich war tatsächlich auf Silber Kurs. Einfach unfassbar. Ich passierte die letzte Feed Zone und ging in die letzten 18km. Die waren schnell und etwas wo man nochmal richtig Druck aufs Pedal bringen muss. Trotz meines leichten Körpergewichts kann ich solche Passagen echt gut und ich liebe Flache Abschnitte. Ich versuchte so flach wie möglich auf dem Lenker zu liegen um dem Gegenwind etwas kontern zu können. 3 Kilometer vom Ziel war noch eine extreme Rampe durch den Wald die an die 28% steil war. Als ich dann die Kilometermarke sah war ich das erste mal in den 5h erleichtert.

Ich bog um die letzten Kurven und konnte das Zielstadion sehen. Was für ein Moment. Was für ein Gefühl. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Eine Silber Medaille. Unfassbar! Unbeschreiblich! Diese Emotionen!

Danach war einfach alles nur wie im Traum. Glückwünsche, Interviews, Fotos, Dopingkontrolle (wo es fast noch Kollapse gegeben hätte weil wir alle 3 schon fast einen Blasenriss bekommen haben, weil die Jungs vor uns so lang gebraucht haben 🙂 und dann die Zeremonie 🙂 da oben zu stehen, deine Flagge hissen zu sehen, das sind Gefühle die kann man nicht beschreiben. Gänsehaut, pure Freude, den Tränen nahe, einfach alles zusammen! Alles fliegt einem im Kopf herum. All die Arbeit, all der Schweiß, all die Entbehrungen und schweren Zeiten. All das ist auf einmal unwichtig. Für diesen einen Moment. Einer der Besten in meinem Leben!!!!!!

Danke all jenen Personen die mein kleines aber feines Umfeld bilden. Der größte Dank natürlich meinem Mann. Ich kann es nicht oft genug sagen, der Erfolg gehört mindestens zur Hälfte ihm! Die letzten Monate waren nicht leicht für ihn, ich war manchmal schon ganz schön zickig und ungut. Umso schöner ist es jetzt wenn all die Last abfällt. Ich fühle mich so frei und entspannt wie seit Monaten nicht mehr. Ich bin stolz das wir 2 das als „Dreamteam“ geschafft habe. Danke auch meinen 3 Engeln im Himmel! Mein „kleiner Bruder“, der mich von oben durch dieses Rennen geführt hat. Ich hatte mehr als eine innere Unterhaltung mit ihm in den 5h! Ich hoffe du bist stolz auf mich mein Kleiner! Danke für deine Hilfe!!!

Jetzt genieße ich einfach dieses Gefühl und werde noch 2-3 Rennen als Abschluss einer Mega Saison dranhängen. Danke für eure ganzen Glückwünsche und Nachrichten. Es hat mich so gefreut wie viele positiven Rückmeldungen und Nachrichten ich bekommen habe. Ihr seit die Besten 🙂

Bis Bald

Christina

 

 

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